Sylvas Weg

Kein leichter Weg…

Ich bin mit 47 Jahren zum Reiten und dann auch sehr schnell zum eigenen Pferd gekommen, leider stellte sich dann heraus, dass ich mit der Dominanz dieses Quarter-Wallachs dann doch als Anfänger überfordert war. Ich habe zum Glück eine tolle Besitzerin für ihn gefunden. Trotzdem war mir klar, dass es nicht das Ende ist und habe dann MEIN Pferd gefunden. Er ist ein Mix aus Haflinger/Tinker (Mutter) und Araber (Vater), war damals 4 Jahre alt und roh.

So mancher wird jetzt denken, oh je, schon wieder alles falsch gemacht, warum kauft sie sich nicht erst mal ein älteres, quasi fertiges Pferd? War wirklich nicht grade klug, aber es ist gut gegangen und war die beste Entscheidung meines Lebens. Ich wollte ein Pferd, das noch nie schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht hat, wollte von Anfang an alles richtig machen, natürlich mit Hilfe von Trainern, die ich natürlich auch mit zunehmendem Verständnis immer mal gewechselt habe. ALLES richtig ist natürlich eine Illusion, wie ich sehr schnell lernte, denn wir müssen auch aus Fehlern lernen.

Er war von Anfang an ein extrem liebes Pferd, das im Umgang nur freundlich ist und immer Lust hat, irgendeinen Trick zu lernen. Nun habe ich ihn über 10 Jahre und wir sind einen nicht immer leichten Weg gegangen.

4 Wochen nach dem Kauf ist er (evtl. aus Angst vor einer Ratte) abends über die Boxenwand gegangen, und hat sich dabei vorn links den Fesselträger angerissen. OP, Boxenhaft, antrainieren, naja das Übliche. Viel wertvolle Zeit verloren, aber einen Freund fürs Leben gewonnen, der mir vertraut. Ich habe 3 Wochen tagsüber mit in seiner Box gesessen, damit er ruhiger steht, bis er sich an seine Lage gewöhnt hatte. 2 Jahre später Chip hinten rechts am Fesselkopf erfolgreich entfernt, wieder Klinik, lange Boxenhaft, wieder viel Zeit vergangen. Auf und Ab‘s im Training, Umstieg vom Westernreiten auf klassische Reitweise mehrere Stallwechsel, um die Haltungsbedingungen zu optimieren. Nun im jetzigen Stall dann der Supergau: 2019 offene Trümmerfraktur des Unterkiefers. Ein Jahr lang 4 Operationen, Bruch verheilte gut, Platte konnte zeitig entfernt werden, aber leider mehrfache Fistelbildung. Durch die offene Bruchstelle hatten sich wohl Bakterien aus der Maulhöhle in der Nacht vor der ersten OP eingenistet. Danach war fast alles überstanden, körperlich vollständig ohne Einschränkungen oder sichtbare Überbleibsel wieder hergestellt. Allerdings seelisch abgeschaltet, lethargisch. Hat ’ne ganze Weile gedauert, bis er aus diesem Zustand wieder aufwachte.

Heute wäre alles schön, wenn er sich nicht vor 4 Wochen auf der Weide so übel vertreten hätte, dass die Beugesehne hinten links massiv gezerrt wurde, Resultat Sehnenscheidenentzündung. Mal wieder Boxenhaft und mir zerreißt es mal wieder das Herz, dass ich ihn wegsperren muss. Natürlich vermisst er seine Herde, aber ich bin inzwischen bei solchen Dingen ruhiger geworden und weiß, auch das geht vorbei und wird hoffentlich wieder gut.

(Bild von Sarah Weber Fotografie)

1 Kommentar

  1. Sylva Arlt

    Nur der Vollständigkeit wegen, und um Anderen Mut zu machen, denen es vielleicht ähnlich geht, möchte ich unseren Weg noch einmal aktualisieren. Frei nach dem Motto „Schlimmer geht immer“ – reißt unsere von unglücklichen Verletzungen und deren langwierigen und kostspieligen Genesungsphasen geprägte Zeit einfach nicht ab. Manchmal ist es schon echt schwer, zu akzeptieren, das ein Pferd in seinem Leben so viel Pech haben kann. Nach der Sehnengeschichte kaum wieder draußen in der Herde hat sich mein Held eine Hornhautverletzung mit einer Pilzinfektion zugezogen, die trotz frühzeitiger aber erfolgloser Behandlung in der Klinik leider zur Entfernung des linken Auges führte. Und wieder habe ich mir so viele Gedanken gemacht, was dann wohl alles nicht mehr oder nur noch eingeschränkt möglich ist, wie ich mich im Besonderen im Umgang mit ihm um- und einstellen muss usw. Und wieder hat er mir gezeigt, was alles geht, wenn die Beziehung zwischen Pferd und Mensch gut ist. Und das jeder Schicksalsschlag nur im ersten Moment ausschließlich schrecklich ist. Im Nachhinein betrachtet hat uns jedes der vielen „Unglücke“ auch immer etwas Positives gebracht. Man muss nur lernen, es zu sehen. Ein Pferd kann nämlich echt super aufgebaut aussehen, auch oder gerade weil man ein Jahr lang „nur“ Schrittarbeit gemacht hat. Die besondere Herausforderung dabei ist es natürlich, diese Form der Bewegung und des Trainings trotzdem abwechslungsreich zu gestalten. Unser Vertrauensverhältnis ist mit jeder neuen „Prüfung“ immer stärker geworden. Das fehlende Auge ist tatsächlich zu keiner Zeit zum Problem geworden, er kompensiert das super, er zeigt mir, das es ihm gut geht, und deshalb kann ich auch entspannt damit umgehen. Er vertraut mir im wahrsten Sinne des Wortes blind und reagiert auch anderen Menschen und Pferden oder Verkehr gegenüber in keiner Weise schreckhaft auf der blinden Seite. Es ist, als würde er mir durch sein Verhalten zeigen, das alles für ihn OK ist, wenn ich da bin. Das macht mich zufrieden und deshalb fällt es mir leicht, nicht meine, sondern in der Regel seine Bedürfnisse an die erste Stelle zu setzen. Eine gute Kommunikation, ein für Beide gewinnbringendes Miteinander sind mir im Laufe der Jahre viel wichtiger geworden als das Reiten an sich. Sicher habe ich mir in den letzten 11 Jahren des Öfteren ein weniger unfallträchtiges Pferd gewünscht, aber ich bin mir sicher, daß wir ohne all diese Hindernisse nicht dieses Level des Vertrauens erreicht hätten. Was ich also mit all dem sagen wollte, ist, das man unbedingt in jedem noch so suboptimalen Geschehen den mit Sicherheit vorhandenen positiven Aspekt suchen und finden muss, um sich damit auf eine Art zu arrangieren, die das Pferd positiv stimuliert und nicht noch in die Situation bringt, ständig negative Energie aufnehmen zu müssen.

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